EIN INTERVIEW ÜBER DIE KRAFT DES VAGUSNERVS
Dr. med. Ingfried Hobert
Stress, Antriebslosigkeit, Müdigkeit und Schlafstörungen begleiten viele Menschen in ihrem Alltag. Dabei steht uns ein reicher Wissensschatz an Jahrtausende altem Heilwissen anderer Kulturen ebenso wie neueste Erkenntnisse der Heilung aus den Neurowissenschaften zur Verfügung. Wie es uns gelingen kann, die Selbstheilungskräfte unseres Körpers und Geistes mithilfe des Vagusnervs zu aktivieren, verrät uns der Ethnomediziner und Autor des Buches »Die Ethno-Health Apotheke« Dr. med Ingfried Hobert im großen Interview

Du bist Ethnomediziner. Was genau bedeutet das eigentlich?
Als Ethnomediziner beschäftige ich mit den Heilsystemen der Kulturen und Zeiten unseres Planeten und schaue, was Menschen über die Jahrtausende an Heilwissen hervorgebracht haben, um das Leben anderer Menschen zu erleichtern und zu bereichern. Hier geht es in erster Linie um wertvolle Heilpflanzen und Rezepturen, die von Ärzten immer mehr als Alternative zu chemischer Medizin eingesetzt werden. Die Medizin der Zukunft zeigt jetzt schon, dass viele Mittel gegen die wichtigsten Krankheiten der heutigen Zeit mit einer Hochdosis Naturmedizin behandelt werden können. Dies steht inzwischen auf solidem wissenschaftlichen Fundament.
Wann hast du für dich gemerkt, dass die Schulmedizin allein nicht ausreicht?
Die vielen schmerzhaften Erfahrungen an der Schwelle von Leben und Tod, die ich in meiner Krankenhauszeit als Notarzt machen durfte, ließen mir keine Ruhe und trieben mich schließlich auf die Suche nach Antworten.
Auf deiner Suche hast du die ganze Welt bereist. Du warst auf allen Kontinenten und hast alle Kulturen und Traditionen aufgesucht. Was hast du dabei entdeckt?
Ob bei den Nankaris im australischen Outback, den Kahunas auf Molokei, den Marabus in Westafrika oder den Lamas in den Hochtälern des Himalaya; sie alle sprachen von einer unerschöpflichen Energiequelle in uns, die wir wiederentdecken können und mit der wir uns verbinden können, wenn wir Lebenskraft und Gesundheit suchen. Alles entsteht aus uns heraus – alles ist in uns. Es ist unsere Sicht auf die Dinge, die uns glücklich oder unglücklich macht. Um in den Worten S. H. der 14. Dalai Lama zu sprechen: »Auch der größte äußere Reichtum nützt dir nichts, wenn dir im Herzen etwas fehlt«. Ich denke, das kann man sehr gut auch auf die Gesundheit übertragen. Egal wie lang der weiße Kittel eines Arztes auch sein mag – entscheidend und wichtiger ist unser Gefühl und unsere klare, bewusste Sicht der Dinge.
Was bedeutet das konkret?
Wichtig ist, anzuerkennen, dass all diese Kulturen eine Gemeinsamkeit haben: Sie alle sind davon überzeugt, dass es Kräfte gibt, die weit über unsere verstandesmäßige Vorstellungskraft hinausgehen. Von diesen Kräften in uns und um uns herum können wir profitieren, indem wir auf unterschiedliche Weise eine Verbindung mit ihnen herstellen. Diese Quellen der Kraft und Gesundheit stehen uns jederzeit zur Verfügung.
Geht es auch darum, Körper, Geist und Seele als Einheit wahrzunehmen?
Absolut. Alle wichtigen Medizinsysteme unseres Planeten haben zu keiner Zeit eine Trennung zwischen Körper, Geist und Seele vorgenommen. Sie sehen den Menschen immer als Einheit dieser drei Ebenen, tief eingebunden in ein psychosoziales und psychoemotionales Umfeld. Dieses Umfeld bezieht bei den meisten Kulturen auch das Familiensystem mit ein. Dabei spielt die Würdigung der Alten, der Eltern und Ahnen, auch wenn sie bereits verstorben sind, eine ganz entscheidende Rolle.
»Alle wichtigen Medizinsysteme unseres Planeten haben zu keiner Zeit eine Trennung zwischen Körper, Geist und Seele vorgenommen.«
Gab es eine Kultur, die dich am meisten beeindruckt hat?
Das ist schwer zu sagen, da jede Kultur für sich so viel tiefes Wissen mit sich bringt. Aber ich glaube, am meisten hat mich die Medizin der Aborigines und die Medizin der Tibeter beeindruckt. Die Aborigines, die Menschen des Ursprungs, haben es geschafft, sich über Jahrtausende eine tiefe Verbindung mit der Natur zu erhalten, und daraus schöpfen sie noch heute Weisheit, Kraft und Gesundheit. Aber auch die Tibeter, die Menschen vom Dach der Welt, haben in der Einsamkeit der Hochtäler des Himalaya ein einzigartiges Wissen rund um die Möglichkeiten menschlicher Potenziale hervorgebracht.
Was können wir von den beiden Völkern lernen?
Die Kraft der Natur und ihrer Lebensgesetzmäßigkeiten wird von den Menschen des Ursprungs besonders wertgeschätzt. Sie leben im Einklang mit den Gesetzen, passen sich an und nutzen die natürlichen Heilkräfte der Natur, die sie umgibt – mit berührenden, ehrfürchtigen Ritualen der Dankbarkeit feiern sie das Geschenk des Lebens. Wir können von ihnen lernen, wieder mehr in die Verbundenheit zu gehen. Die Verbundenheit mit der Natur, aber auch mit uns selbst.
Und von den Tibetern?
Aus Sicht der tibetischen Medizin ist die Hauptkrankheitsursache aller Erkrankungen das »falsche Denken«. Sie nennen sie die Windkrankheit. Menschen sind »durch den Wind«, weil sie in Glaubenssätzen, Vorstellungen und Triggern gefangen sind, die sie Dinge machen lassen, die weit an ihren angelegten Potenzialen und Möglichkeiten vorbeigehen. Der Augenblick, der dem Leben Sinn und Tiefe verleiht, wird somit »überrannt«. Der Mensch kommt aus seinem Gleichgewicht. Die Krankheit ist der Ausdruck der geistigen Unordnung.
In der Traditionellen Chinesischen Medizin spricht man auch von Ungleichgewicht. Wie hängt das zusammen?
Zu den zehrenden Gedanken kommen noch Ernährungsfehler und Gifte, die zu Blockaden im Energiefluss in den fünf Energiesystemen des Körpers führen. Diese Blockaden stauen sich über die Jahre an und führen zu Störungen im Gleichgewicht des Körpers. Sie führen zu Krankheiten und verkürzen das Leben. Alle Handlungen, die wir gegen unsere Intuition ausführen und von denen wir genau wissen, dass sie uns nicht gut tun, fordern über die Jahre ihren Tribut.
Was kann man dagegen machen?
Wir können Rahmenbedingungen schaffen, unter denen Selbstheilungsprozesse besser gelingen können. Wir können körperlichen und emotionalen Stress in unserem Leben verringern, indem wir uns bewusster beobachten und hinterfragen, welche Anhaftungen uns gefangen halten und unsere Freiheit einengen. Innehalten, Zeit der Besinnung und vor allem auch die regelmäßige Meditationspraxis kann schon viel bewirken. Dazu wirkungsvolle Wildkräuter, Heilpflanzen und Blütenessenzen und bewusste und typgerechte Ernährung. Das kann bereits die Störungen im Energiegleichgewicht beseitigen und uns wieder mit der Natur in Einklang bringen. Jede Form der Heilung ist Selbstheilung. Tief in uns ist eine Weisheitskraft verborgen, die unser System immer wieder aus dem Chaos in die Ordnung führt. Es strebt aus sich selbst heraus zur Heilung.
Wie kann man sich diese Weisheitskraft vorstellen?
Es ist eine uns innewohnende Instanz, die vom Verstand nicht greifbar, jedoch fühlbar ist. Diese Weisheit will uns zu einem langen sinnerfüllten Leben auf höchstem gesundheitlichen Niveau führen. Wir sind immer wieder aufs Neue eingeladen, sie zu fühlen und uns ein eigenes Bild zu machen, was für uns stimmig ist. Viele religiöse Konzepte bauen auf Angst auf. Angst jedoch trennt und vernebelt diese intuitive innere Weisheitskraft. Diese Weisheit in uns zeigt sich, wenn der Geist sich von Konzepten löst und zur Ruhe kommt und Herzkohärenz beginnt sich auszubreiten. Jeder kann fühlen, wenn sich Tore zu den Herzensqualitäten öffnen. Wohlwollen, heitere Gelassenheit, Freude, Liebe und Dankbarkeit treten dann spürbar in die Sichtbarkeit.
Ist es also eine Kraft, die sowohl körperlich als auch mental spürbar ist?
Diese Kraft ist omnipräsent. Sie durchdringt all unsere Zellen. Wir spüren sie über klare Gedanken und harmonische Rhythmen im Körper. Wenn die Rhythmen des Herzschlags, der Atmung, der Darmbewegungen, der Hormon- und Sekretausschüttungen in Balance sind, dann spielt das Orchester im Einklang. Missklänge zeigen sich als Befindungsstörungen, Symptome oder Krankheiten, wenn wir aus der Verbindung geraten und durch Trennung von uns selbst an innerer Sicherheit und damit an Kohärenz verlieren. Die Seele ist quasi »beleidigt«, weil wir uns gegen unsere Natur und die natürliche Ordnung gewandt haben. Signale des Körpers wollen uns dann inspirieren, aus dem Widerstand heraus- und wieder in die Verbindung reinzugehen, um in den natürlichen Flow zu kommen. Ein ganz neues, gut verständliches Erklärungsmodell unserer körperlichen Regulationsvorgänge liefert uns die Polyvagaltheorie.
Worum genau geht es bei der Polyvagaltheorie?
Sie ermöglicht uns Konditionierungen und traumatische Erlebnisse in einem neuen Licht zu sehen – nämlich nicht mehr als Opfer, sondern als Held, dem es gelungen ist, Lösungen des Überlebens zu finden, sich zu adaptieren und Kontrolle zu behalten. Die Polyvagaltherapie besagt, dass es unsere Chemie ist, die unsere Realität formt. Und diese Chemie ist durch uns beeinflussbar – sie ist nicht autonom, sondern von uns selbst steuerbar. Doch anders, als wir bisher glaubten. Nicht unsere Gedanken und unser Verstand bestimmen über unser Leben, sondern wie wir uns mit unserer Körperchemie fühlen formt unsere Realität. In diesem Zusammenhang ist das vegetative Nervensystem mit dem vorderen und hinteren Vagusnerv von entscheidender Bedeutung. Unser Vagusnerv ist wie der Dirigent des Orchesters aller Regulationsprozesse und damit der Dirigent der unterschiedlichsten Ebenen der Selbstheilung. Ohne Vagusnerv und Kohärenz im vegetativen Nervensystem ist Heilung unmöglich. Der Vagus (lateinisch »umherschweifen«) ist überall im Körper mit seinen Nervenfasern präsent. Er bremst Überaktivität herunter und sorgt für Gleichgewicht und Kohärenz in jedem Augenblick und da wo es nötig ist. Durch unsere Möglichkeit Verantwortung für uns zu übernehmen, liegt es an uns, nachhaltig die Physiologie des vorderen Vagusnervs anzutriggern, um uns aus der Erstarrung und dem Festhalten an alten Konditionierungen und Traumata zu lösen.
Spielt der Vagusnerv also eine entscheidende Rolle, wenn es um unser Wohlbefinden geht?
Absolut. Unser Körper ist gesund und bereit, sein ganzes biologisches Potential zu leben, wenn im vegetativen Nervensystem Kohärenz besteht. Dazu braucht es einen starken Vagusnerv. Denn ein stimulierter Vagusnerv fördert diese Kohärenz, d.h. es kommt zum Ausgleich der Regulationsmechanismen. Dadurch kommt es u.a. zu einer Umschaltung vom hinteren auf den vorderen Vagusast. Damit lässt die Dominanz von Erschlaffung, Antriebslosigkeit, Hilflosigkeit, Gedankenkreisen, Erstarrung, Trennung und Dissoziation nach, und das System öffnet sich, begleitet und unterstützt von Gefühlen der Verbundenheit, Geborgenheit und Sicherheit, hin zu Entspannung, Regeneration, sozialer Interaktion, Kreativität, Neugierde und nicht zuletzt Heilung auf verschiedensten Ebenen.
Was passiert, wenn der Vagusnerv überstrapaziert ist?
Bei Überstrapazierung kommt es zum Verbindungsabbruch. Quasi zu einer Trennung von einem selbst. Der Regulationsprozess ist unterbrochen. Wir fangen an, nach Lösungen außerhalb von uns zu suchen, ob durch ungesundes Essen, Nikotin, Alkohol oder Beschallung durch Medien und Ablenkung im Außen. All dies wird in den indischen Philosophien als Rajas bezeichnet. Dies ist dem sympathischen Nervensystem zugeordnet und bedeutet »immer weiter, nicht genug bekommen, immer mehr vom selben«.
Wie kann man dem entgegenwirken? Wie können wir unseren Vagusnerv stimulieren und unsere Heilungskräfte stärken?
Unser Körper ist ein wunderbares, unglaubliches Geschenk unbegrenzter Möglichkeiten. Heilung geschieht dabei immer aus sich selbst heraus und ist damit Ausdruck innerer Selbstheilung. Wir können wichtige Rahmenbedingungen schaffen, unter denen Selbstheilung besser und nachhaltiger gelingen kann. Über Ernährung, hochdosierte Heilkräuterrezepturen, Sport und Körper- und Atemübungen können wir entscheidend an Heilungsprozessen mitwirken. Heilung bedarf aber auch Schattenarbeit und Schattenintegration. Ignoranz und Verweigerung der Integration schafft Leid. Vagusflow-Aktivierungsmassagen, Zwerchfelltraining und Atemübungen spielen, so beobachte ich immer und immer wieder, dabei eine Schlüsselrolle bei der so wichtigen Schattenintegration. Diese besonderen Körperübungen erzeugen ein starkes Gefühl von Verbundenheit, Fülle und Sicherheit. Unter diesem Gefühl kann nicht nur Schattenintegration gelingen, sondern auch das vegetative Nervensystem kann sein volles Selbstheilungspotential entfalten und wir über uns hinauswachsen. So könnten Traumata integriert und Raum geschaffen werden, um kreativ und gestalterisch zu wirken und Träume zu verwirklichen.
Das Interview führte Greta Lipp




